Raimund Müller
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Leseprobe

Tagebuch
Freitag, 24. Oktober
Ich bereue nichts!

 
Am Abend darauf saß ich alleingelassen im Wohnzimmer, kaute an meinem Abendbrot herum, noch ganz bei dem Geschehen vom Vortag. Verhielt ich mich richtig? War das in Ordnung? Meine innere Stimme war zufrieden mit mir, und auch mein Körper fühlte sich erstmals wieder gut an. Endlich weigerte er sich zu schlucken, was nicht zu schlucken war, anzunehmen, was nicht lebenswert war, in sich hineinzufressen, was ihn selbst auffraß. Endlich! Das erste Mal nach den demütigenden Jahren trug er den Kopf wieder auf den Schultern –  nicht dazwischen. Kein krummes Rückgrat, keine verfaulten Kompromisse, die Faust nicht in der Tasche geballt, sondern der Natur freien Lauf gelassen. Nein, ich bereute nichts! In Zukunft würde ich die Signale meines Körpers beachten!
Selbst mein Spiegelbild im Aquarium mir gegenüber schien mit mir zufrieden. Mit einem Bierseidel prostete ich ihm zu, bevor ich ihn leerte. Ein Umstand ließ mir allerdings die Haare zu Berge stehen. Der hinter dem Glas erwiderte den Gruß nicht. Im Gegenteil. Seine Bewegungen wirkten langsam und müde, seine Augen bedrückt und sein Blick hungrig. Hielt ich es eben noch für mein Spiegelbild, wurde ich zunehmend überzeugter, dass dies unmöglich sein konnte.
Aber was war es dann?

“Komm heraus”, gebot ich ihm dreist.
Er deutete mit dem Zeigefinger auf sich, als wollte er fragen: Ich?
“Ja, du! – Komm heraus”, flüsterte ich perplex.

 Ich war verrückt auf dieses Experiment. Schälte sich der Verstand von der Wirklichkeit? Das gehörte doch bisher zusammen!
Zuerst entwickelte sich leichter Dunst, der sich aber flugs verdichtete und schließlich als Mensch auf dem Holzsessel vor dem Aquarium sitzen blieb. – Ein Mann!

Die nachfolgenden Momente werde ich Zeit meines Lebens nie vergessen!

Trotzdem staunte ich über mich selbst; wie ruhig ich letztendlich bleiben konnte.
Wir schauten uns an. – Nein! Ich stierte ihn an.
Mit weit aufgerissenen Augen, mit offenstehendem Mund; ich wagte mich weder zu bewegen, noch einen Moment wegzusehen. Selbst den natürlichen Lidschlag verkniff ich, bis mir die Augen tränten, brannten und der Mund austrocknete. Meine Gedanken stritten im Selbstgespräch.

Egal was das ist – ich sehe es tatsächlich!
Wahrscheinlich ist es nur in deinem Kopf, und außer dir wird es kein Mensch sehen!
Aber es ist da! Schau hin! Schau hin und sieh, ob es wirklich ist!
Später wirst du dir sagen, du warst übermüdet und hast deshalb Dinge gesehen, die es gar nicht gibt. Prüfe dich jetzt und frage dich. Bist du übermüdet?
Nein!
Hast du vielleicht zuviel Most getrunken?
Nein!
Also, was ist es dann?
Vielleicht ist es ein Einbrecher, dem ich den Rückweg versperrt habe?  –  Oder ein Außerirdischer?  –
Quatsch!

Judith fiel mir ein!
Seltsamerweise fürchtete ich mich keinen Moment. Auch der Fremde war durch sein Erscheinen überrascht.
Ich appellierte an meine Vernunft und war gleichzeitig fasziniert, etwas zu sehen, das es gar nicht gibt. Mein Körper reagierte wie gelähmt. Einzig den Herzschlag spürte ich im Halse.
Immer wieder sagte ich mir: Schau hin, solange er noch dasitzt. Schau hin, denn bestimmt verschwindet das Wesen oder was es auch immer sein mag, wie es gekommen ist, und du hast noch nicht einmal einen Nachweis darüber.

Seiner Kleidung nach zu urteilen kam weder die eine noch die andere Möglichkeit in Frage.

Aber was hat der denn an…?  Das sieht aus wie…, wie…, ich weiß nicht!
Schau hin und vergewissere dich, dass du ihn tatsächlich siehst! – Auch wenn du dir jetzt sagst, dass es so etwas eigentlich gar nicht gibt!
Später finde ich bestimmt Ausflüchte, dieses Ding je gesehen zu haben.
Dann schau hin, schau hin! Um Gottes Willen, schau hin! Sonst glaubst du es dir nachher selbst nicht mehr! Vielleicht ist es beim nächsten Lidschlag auch schon weg!
Schau hin! Schau bloß hin, das glaubt dir in deinem ganzen Leben kein Mensch mehr. Am wenigsten du selbst.

Ich traute mich nicht, meine geweiteten Pupillen auch nur einen Bruchteil von ihm zu entfernen. Zögernd langsam glitt mein Blick an der Person hinunter, zum Rest der Gestalt.  Nach unten wurde sie transparenter, ging in ein dreckiges Grau über. Füße, mit denen sie auf dem Boden stehen musste, erkannte ich nicht mehr.

Logisch, wie sollte ich auch! Geister haben bekanntlich keine Füße – die schweben. Dann habe ich es also mit einem Geist zu tun?!

Ich machte mir keinen Reim daraus, denn mittlerweile wurde das Brennen und Stechen in den Augen so stark, dass es mir die Lider krampfartig zusammenzog und Tränen herausquetschte. Zunge und Lippen waren durch den geöffneten Mund ausgetrocknet. Ich wollte schlucken, aber auch das gelang mir nicht. Einerseits hatte ich die Kontrolle über meine Muskeln verloren, andererseits sagte ich mir immer wieder: Bewege dich nicht! Bewege dich nicht, sonst ist es weg.
Vielleicht gibt es einen Bewusstseinszustand den wir nicht kennen und in den ich auf unerklärliche Weise hineingerutscht bin. Sobald ich mich bewege, ist es weg. Versuche, ganz ruhig zu bleiben!

Ein behutsames Räuspern ging leider in einen sich selbst befreienden Hustenanfall über.
Dennoch. – Der Unbekannte verschwand nicht. Vielmehr drehte er seinen Kopf nach allen Seiten und begutachtete neugierig seinen Aufenthaltsort. Offensichtlich war er ebenso überrascht. Weder er noch ich sprachen ein Wort. Nach einer Zeit, die gleichermaßen Stunden wie Minuten hätte sein können, löste er sich so auf, wie er gekommen war.

Tagebuch
Samstag, 25. Oktober
Heute abend hatte ich ein seltsames Erlebnis.
Hoffentlich bin ich noch ganz klar im Kopf!

“Es stinkt mir immer mehr. Gestern hat der Alte ein Zeiterfassungsgerät installieren lassen, das unser Kommen und Gehen, die Mittagspause und eventuelle Dienstgänge kontrolliert. Demnächst sollen zusätzlich die Haustüren verriegelt werden und nur mit dieser Karte zu öffnen sein. Diese elektronischen Gehirne kontrollieren uns auf Schritt und Tritt. Bisher habe ich geglaubt, dass wir Menschen die Maschinen beherrschen, aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt, und ausgerechnet ich soll dieses Ding bedienen.”
Judith lachte hell auf. Mit keinem Wort erwähnte sie mehr den Zwischenfall mit Mike. “Du bedienst das Gerät? Du musst die Zeit erfassen? – Die geänderten Zeiten?”
Ich spürte es genau, gleich brächte sie wieder eine ihrer Wortspielereien hervor.
“Willst du damit sagen, dass du die geänderten Zeiten nicht fassen willst? – Oder nicht fassen kannst?!”
“Höre bitte damit auf! Du redest schon wie SIE!”

“Also”, lenkte sie ein“, reden wir von was anderem. Dabei drückte sie mir am Nacken herum und suchte nach neuen Stellen für das Licht Gottes.
Lieber hätte ich ein wenig an ihrem Nacken herumgedrückt.
“Kann ich dir nicht auch Mahikari geben?” Die Frage kam für sie völlig unvermittelt.
“Du würdest mir Mahikari geben wollen?” erkundigte sie sich fast ehrfürchtig.
“Natürlich, warum nicht.”
“Oh, das ist schön. Aber dazu brauchst du erst den Einführungskurs, von dem ich dir schon erzählt habe. Nach dessen Abschluss bekommst du dein Omitama, dann darfst du geben.“
“Was ist denn das – dieses Omitama?”
Judith griff sich mit zwei Fingern an den Hals und zog ein dünnes Silberkettchen hervor, an dem ein fünfmarkstückgroßer gefüllter Kissenbezug hing.
“Das ist es! Mit seinem Erwerb bist du in der Lage, Gottes Licht weiterzugeben.”
“Und was ist da drin?”
“ Ist das so wichtig zu wissen?”
“Na klar, vielleicht ist auch gar nichts drin, oder ein paar Schnipsel Konfetti.”
“Du”, betonte sie deutlich, “würdest mit Sicherheit nichts darinnen finden, deswegen ist auch völlig egal, was drinnen ist. Außerdem gibt es Dinge, die sind da ohne dass sie jeder sieht.”

Fünf  Tage zuvor hätte mich der letzte Satz auf die Palme gebracht.
“Ja…”, murmelte ich bedächtig, und wiederholte gedankenverloren ihren letzten Satz,  “…ohne dass sie jeder sieht. Vielleicht gibt es tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde…”
Judith sah mich mit ihren wunderschönen Augen fassungslos an.
“…die unsere Naturgesetze auf den Kopf stellen. Zumindest was wir dafür halten…”,  und nachdenklich weiter, ”…falls man sie an die Öffentlichkeit brächte. Falls nicht, gälte alles wie bisher. – Zumindest für den Rest der Welt!”

“Michael, was ist mit dir los, du bist eben so seltsam geworden?”

 “Nichts ist! Gar nichts! Ich denke nur, dass du vielleicht recht hast. Vielleicht gibt es Dinge, die wir nicht sehen. Vielleicht eine Welt außerhalb unseres Gesichtsfeldes, unserer Wahrnehmbarkeit, die trotzdem existiert. Was wissen wir schon? Eigentlich nichts im Vergleich zum Kosmos.“

“Du willst mich doch nicht auf den Arm nehmen?”

“Nein, nein! Ich mache mir ernsthaft Gedanken darüber. Wenn es diese Dinge gibt, müssen sie irgendwie, irgendwo einen Schatten werfen, einen Abdruck hinterlassen gewissermaßen. Wie die schwarzen Löcher im Weltall. Die sieht man ebenfalls nicht, aber man weiß von ihnen. Sie senden keinerlei elektromagnetische Wellen und damit kein Licht aus. Aber indirekt wurden sie nachgewiesen, das heißt, ihre Auswirkung auf benachbarte normale Sterne. Weil nämlich deren Licht in diesen schwarzen Löchern verschwindet.
Einen Schatten siehst du auch nur, wenn eine Lichtquelle, zum Beispiel die Sonne da ist. Das heißt aber keineswegs, dass er vorher nicht ebenfalls existiert hat.“

“Genau“, platzte Judith dazwischen, „und was kann man von ihm ablesen?”
“Wie stark die Sonne scheint, aus welcher Richtung…”
“Und wie weit die Zeit fortgeschritten ist”, triumphierte sie mit einem Augenzwinkern.
“Diese Dinge, oder Abdrücke, wie wir sie eben genannt haben, sind Erscheinungsformen unserer Welt und geben Auskunft über ihre Zusammenhänge, über Ursache und Wirkung. Müssten sich die unsichtbaren Phänomene nicht ähnlich verhalten? Ich meine…, müssten die nicht auch in irgendeiner Form…?”

“Ist schön, dass du es nun ebenso siehst, denn noch vor einigen Wochen, als wir über das Thema gesprochen haben, wolltest du das nicht wahrhaben. Es ist wie mit einem Geldstück; nimm ein weißes Blatt, lege es auf die Münze und fahre mit dem Bleistift  geschwind über das Papier. Merkst du was? Durch die Reibung, den Kontakt, das Berühren kommen die Konturen, die Abdrücke heraus. Selbst in der Sprache schlagen sich solche Verhaltensweisen nieder. Zum Beispiel: Lange Gesichter machen oder niedergedrückt sein. Wie kommst du nur zu dieser Einsicht?”

“Ach, so halt!”
“Endlich hat dir Mahikari geholfen! Siehst du, nun spürst du es auch!”

Von wegen! – Von der Sache zu Hause wollte ich ihr vorerst nichts erzählen.

“Gehst du am Sonntag mit ins Zentrum?”
“Mal sehen, eventuell fahre ich tatsächlich mit.”
 Inzwischen waren wir mit unserer Gebetsübung fertig geworden und setzten uns wie gewohnt  noch ein Weilchen gemütlich in ihre Küche. Gegenüber meinem ersten Besuch im Frühjahr kehrte längst eine lockere kameradschaftliche Atmosphäre zwischen uns ein. Über das Thema Liebe sprach keiner mehr, aber das Knistern zwischen uns hörte nie auf und ich meinte, dass der Zeitpunkt günstig sei einmal wieder anzugreifen.
“Würdest du gelegentlich mit mir Essen gehen?”
 “Ja!” Über ihre schnelle Antwort staunte ich. – “Wo wolltest du hingehen? Es braucht ja nicht unbedingt hier in der Stadt zu sein.”
Ich aß leidenschaftlich gerne chinesisch.
“Was hältst du vom Chinesen?”
“Fein, da bin ich mit einverstanden. Wann wollen wir gehen?” Sie schien sich auch zu freuen.

Einen Moment ärgerte ich mich, dass ich ihr dies nicht schon früher vorgeschlagen hatte.

“Wann wäre es dir recht?”
Ein Schmunzeln glitt über ihr Gesicht.
“Am liebsten wäre es mir nach dem Zentrumsbesuch. – Außerdem gibt es dort in der Nähe ein sehr gutes Lokal, – zum Mandarin”, rechtfertigte sie flink ihren ausgeworfenen Köder.

Meinetwegen. Dieses Treffen hätte zumindest den Vorteil, dass sie anschließend wie ein Honigkuchen strahlte. – Und Honigkuchen sind gewöhnlich süß.

 
  
*

Schon am darauffolgenden Tag erschienen mir die Geschehnisse des letzten Samstagabend weit entfernt, und ich zweifelte erwartungsgemäß, dies in wachem Bewusstsein gesehen zu haben. Sicherlich habe ich geträumt, beruhigte ich mich. Allerdings recht intensiv und so deutlich, dass ich es sogar für wert hielt in meinem Tagebuch zu erwähnen. Es wäre interessant, dies nochmals erleben zu dürfen.
 
Lange musste ich nicht darauf hoffen, denn schon bald darauf ging es weiter. Wieder saß er mir plötzlich gegenüber und beäugte seine Umgebung.
Sein Alter konnte ich schwer ausmachen, er sah ramponiert, dreckig und zerzaust aus. Vor allen Dingen schien er längere Zeit Hunger gelitten zu haben, er wirkte abgemagert und hohlwangig.
Langes, feuchtes Haar hing in Strähnen auf die Schultern, und auch der messingfarbene Schnauzbart in dem unrasierten Gesicht hatte seit langem keine Schere mehr gesehen. Für die Jahreszeit war er sehr spärlich bekleidet. Auf dem Oberkörper trug er ein naturfarbenes festes Leinenhemd, das ihm bei den Beinen bis unter die Knie reichte und an den Armen bis zu den Handgelenken. Kragen und Knöpfe fehlten komplett, dafür trug es einen Öffnungsschlitz bis zum Brustbein. Fast erinnerte es mich an die großmütterlichen Nachtgewänder oder die geschlechtslose Anstaltskleidung früherer Hospitäler. Dagegen sprach der um die Taille gegürtete, abgegriffene Lederriemen!
Der brachte eine kämpferische athletische Statur zum Vorschein. Viel mehr konnte ich von meinem Platz aus leider nicht erkennen.

Schon fasste er mich in seine meerblauen Augen und redete in seltsamen Lauten auf mich ein, die mich im weitesten Sinn an skandinavische Idiome erinnerten  . Zwar konnte ich die Worte nicht verstehen, seltsamerweise jedoch ihren Inhalt.

 

“Wo bin ich? Bin ich in Asgard? Oder täuschen mich meine Sinne? Nagt der Fieberwurm abermals an mir? Geleiteten mich die Walküren nach Asgard ohne dass ich ihrer gewahrte?
Bei Thor, ich wünschte, mein Auge hätte sie je erblickt…” 

Und dann zu mir gewandt:
„Ich danke Euch, dass Ihr mich an Eure Tafel riefet. Seit vielen Nächten sehe ich Euch wie durch Wasser hindurch. Gleichwohl habe ich mir Euch anders vorgestellt,” er lachte dazu.

Der lacht. – Der lacht!
Ich staunte noch immer. Wen er damit meinte, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Ich konnte es jedenfalls nicht sein. Ungewollt entfuhr mir daraufhin das Wort:
„Wie?” was ihn einen Moment in Verlegenheit brachte.

Erst druckste er ein bisschen herum, dann sprach er frei heraus: “Stattlicher – mit langem Haar, breitem Bart und einem Auge. – Ihr aber habt noch zwei gesunde!”
Mit beiden Händen malte er dies Bild aus, zum Schluss hielt er sich die Handfläche vor ein Auge, als trüge er eine Klappe davor. Einen Augenblick zweifelte er an seiner Aussage.
“Vermutlich seid Ihr gar nicht jener, für den ich Euch halte? – Gewiss! An Eurer Frage erkenne ich, dass ihr nicht Odin sein könnet. Ihr seid ebenfalls nach Walhall geladen! – Habe ich recht?”

Fasziniert von diesem Menschen und seiner fremdartigen Ausdrucksart verhielt ich mich still. Ich konnte auch nicht anders, befürchtete ich doch mit jedem weiteren Wort, mit jeder Bewegung, diese fantastische Seifenblase zu zerstören.

Auch wenn es nur ein Traum wäre. – Er gefiel mir!
Also verhielt ich mich wie angewurzelt.

“Seid Ihr stumm? Seid ihr gar ein Trugbild?” Er fasste die Armlehne seines Stuhles, richtete sich behutsam auf einem Bein auf und zog langsam das andere nach. Es war das Rechte, welches er schonte. Mein Blick lief an der Gestalt hinunter bis zu den Beinen und registrierte jede Kleinigkeit. – Heute waren Füße dran! Sie steckten in hellbraunen, stabil vernähten, halbhohen Lederstiefeln, die seitlich jeweils mit zwei länglichen Geweihknöpfen verschnallt und zusätzlich mit langen Lederbändern umschnürt waren.
Was gestern noch undefinierbar erschien, zeigte sich heute als dreckiggraues Gewurstel auf olivgrüner Hose, die mich sehr an die langen Unterhosen der Bundeswehr erinnerten. Das Gewurstel stellte sich beim näheren Hinschauen als Binde oder Bandage heraus, die er bis über die Waden hinauf gewickelt hatte. Die Rechte von beiden war zudem noch zerschlissen und wies zahlreiche Spuren getrockneten Blutes auf. In Größe und Figur glich diese Gestalt meinem Schattenbild!

“So sprecht!” humpelte er einen Schritt auf mich zu. Nur der Tisch trennte uns noch.
“Ich glaube, bevor ich dir Rechenschaft schuldig bin, bist du sie mir!” löste sich meine Starre und bemühte sich, die Realität – oder was auch immer – zu akzeptieren. Meine Worte nahmen einen bestimmenden Ton an.
“Erstens, wer bist du, zweitens, was willst du, und drittens, wo bist du eingestiegen?”
“Ich verstehe Eure Frage nicht! In welchem Ton redet Ihr mit mir? Wart nicht Ihr es, der mir gewunken hat zu kommen? Habt nicht Ihr Euch gewünscht, mich wieder bei Euch zu sehen? Warum also fragt Ihr mich, wer ich sei? Ihr werdet doch wissen, wen Ihr als Gast geladen habt. Oder verwechselt auch Ihr mich, wie es mir soeben mit Euch ergangen ist? Trotzdem läge es nun bei Euch mir zu sagen, wer Ihr seid und wohin Ihr mich geladen habt!”

Wieder inspizierte er reihum Tisch, Decke und Türe.
“Walhall scheint es fürwahr nicht zu sein. In dieser Halle und an diesem Tische gasteten keine neunhundertsechzig Recken ohne sich gegenseitig von den Bänken zu stoßen. Wo ist frischer Met? Wo saftiges Eberfleisch? Und ebenso dieses schmale Tor”, er zeigte auf die Stubentüre, “nicht Schulter an Schulter träten sie ein, nur hintereinander. Wo die anderen Tore? Wo der Wolf, der sie bewacht? Ich sehe keinen! Wo der Adler, wo Hugin und Munin?” Seinen Worten merkte man aufrichtige Enttäuschung an.

“So bin ich alleweil auf dem Totenweg nach Niflheim?!” murmelte er mehr zu sich selbst. “Welche Schande! Besser, ich wäre im Kampfe gefallen…”
“Langsam, langsam, du kannst nicht einfach abhauen!“ Wie ein Nebelfetzen, den man haschen will, verschwand er so geschwind wie er gekommen war.
So sehr ich mich bemühte, er blieb weg. Seltsamerweise lag – obwohl noch keiner gefallen war – ein Häufchen Schnee auf den Fließen. Rasch schmolz es zu einer kleinen Wasserlache zusammen.

Tagebuch
Donnerstag, 30. Oktober
Heute habe ich wieder diese seltsame Begegnung gehabt. Das Wasser war fühlbar; real. -Also, muss “X” auch existent gewesen sein.
Im Brockhaus habe ich nachgeschaut: Hugin und Munin waren die Raben Odins!?